Sie beraubt unsere Kinder einer unserer zentralen Zivilisationsfähigkeiten. Der Grundschulverband baut unnötige Widersprüche auf.
→ Kommentar zu dem Artikel Keine pädagogischen Interessen aus der Taz.
Nach etwas setzen lassen: Gedanken zur Grundschrift. → Schreibschrift aus Grundschrift entwickeln klingt sinnvoll, aber es wird meiner Meinung nach allzuviel außenrum aufgeblasen, während die Frage fehlt, wie die Schrift am Ende schön wird.
(Möglicherweise etwas zu emotional1)
Ich habe seit der 3. Klasse eine grausige Handschrift, seit ein Lehrer mir schlechte Noten gegeben hat, obwohl ich so sauber wie möglich geschrieben habe: Meine Schrift war ihm zu breit, alles andere war ihm egal. Ich habe das nie ganz verwunden, und heute sieht meine Normalschrift so aus:
(weitere Infos zu der Schriftprobe)
Meine Briefe an meine Freundin sahen allerdings ganz anders aus: Für sie habe ich alles reaktiviert, das ich in der Grundschule gelernt hatte, um wirklich schön zu schreiben, und sie haben ihr gefallen.
Ich habe sie später (nachdem wir geheiratet haben) gefragt „hättest du es lieber, wenn ich in meiner Normalschrift schreiben würde“, und sie hat mir gesagt, dass sie viel lieber Briefe liest, die ich für sie wirklich schön geschrieben habe.
Diese Möglichkeit wollen die Schulbuchverlage den heutigen Kindern vorenthalten - aus welchen Gründen auch immer.
Schreiben ist die zentrale Zivilisationsfähigkeit. Aus ihm ergeben sich alle weiteren Errungenschaften der Wissenschaft und des Rechtsstaates, denn ohne Schreiben zu können, lässt sich nichts festhalten und auch nichts an wirklich viele Leute weitergeben. Den heutigen Kindern die Fähigkeit vorzuenthalten, Texte so zu schreiben, dass sie wirklich schön sind, halte ich für einen Diebstahl an den Errungenschaften unserer Zivilisation.
Ich halte es zwar auch heute noch für sinnlos, wenn Leute bei Mitschrieben in der Schule in Höheren Klassen auf Schönschrift achten statt auf Geschwindigkeit, schließlich schreiben sie nur für sich selbst.
Ich halte es aber für wichtig, dass sie in der Lage sind, wirklich schön zu schreiben, wenn sie es wollen. Daher ist es meiner Meinung nach schädlich für Schulkinder, ihnen die Schreibschrift nicht beizubringen. Vor allem, wenn einer der Gründe ist, dass dann Schulbücher angeblich billiger zu drucken sind (heutige Drucker können auch Bilder drucken und jeder Einzelne kann von zu Hause aus an seinem Privatrechner ein Druckreifes PDF mit Bildern erstellen2, das dann via Internet billig in den Druck gegeben werden kann).
(sonst heißt es doch immer „für die armen Kinder“ - wird halt nur dann genutzt, wenn es den Kindern eigentlich nicht hilft. Sonst würde es ja heißen „für glückliche Kinder“)
PS: Für manche Leute ist die Druckschrift besser geeignet als die Schreibschrift (zumindest fällt sie ihnen später leichter). Ich verstehe nicht, warum Lehrer in dem Fall nicht einfach auf die einzelnen Schüler eingehen sollen und warum stattdessen das ganze System umgebrochen werden sollte.
Es kann sein, dass ich hier etwas zu heftig reagiere. Die Schrift ist ähnlich Grundlegend wie die Sprache, und auch da sind bei jeder noch so kleinen Änderung starke Reaktionen zu beobachten - beispielsweise bei Esperanto als Zweitsprache. Ich merke auf jeden Fall, dass ich emotional reagiere und eben nicht völlig rational. Wer noch andere Meinungen dazu lesen will, sollte die Kommentare zu dem Taz-Artikel lesen. Der Grundschulverband hat übrigens geantwortet: „Erprobung, kein durchdrücken“, „individuelle Unterstützung“ (was muss dafür weichen und warum haben wir das bei Schreibschrift nicht?) und „Pflege der Handschrift als beständige Aufgabe in der gesamten (Grund-)Schulzeit“ (verdammt, hätte ich das gehasst) (leider in M$-Word geschrieben - Stück für Stück sollten alle progressiven Gruppen zu freier Software übergehen - mindestens zu LibreOffice u.ä., die für Normalnutzung kein Stück hinter ihren unfreien Gegenstücken zurückstehen). ↩
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Gedanken zur Antwort vom Grundschulverband
Die Antwort vom Grundschulverband ist leider auch etwas schwach:
„Erprobung, kein durchdrücken“ (Dann sollte das in ein paar Testklassen gemacht werden - und verglichen werden mit ähnlichen Projekten, die Schreibschrift nutzen)
„individuelle Unterstützung“ (was muss dafür weichen und warum haben wir das bei Schreibschrift nicht?) und
„Pflege der Handschrift als beständige Aufgabe in der gesamten (Grund-)Schulzeit“ (verdammt, hätte ich das gehasst - und was muss dafür weichen?)
Effektiv ist die Grundschrift aber einfach eine Druckschrift1. Die Kommunikation von dem Grundschulverband ist dabei leider zwiespältig. Einmal gibt es „wir wollen keine Schreibschrift mehr“, und dann gibt es „wir wollen eine Druckschrift, die Schüler verbinden können“.
Anders gesagt: Wenn sie nicht sagen würden „wir wollen eine Grundschrift“, sondern einfach „wir wollen die Schreibschrift aus der Druckschrift entwickeln“, wäre das deutlich klarer.
Die Aussage „Kinder entwickeln daraus eine individuelle Handschrift“ kann einfach fallen gelassen werden. Mit den vorgegebenen Schreibmustern der unverbundenen Buchstaben gibt es nur eine begrenzte Zahl an effizienten Verbindungen.
Wenn aber daran eine einfache Kalligraphie anschließen würde, bei der Schüler mit verschiedenen Stilen experimentieren könnten (und auch sehen würden, wie die langfristig aussehen), wobei dann die aktuell gelehrte Schreibschrift einfach ein Stil wäre, könnten Kinder sowohl das schnelle Schreiben für sich selbst als auch das schöne Schreiben für andere lernen.
Wenn das nicht gemacht wird, hat es vermutlich den gleichen Effekt wie der Flötenunterricht, den wir in der Grundschule hatten: Ich habe danach Jahre lang keine Flöte mehr gespielt, weil das einfach doof klang. Hätte mir damals jemand gezeigt, wie genial Flöten in Irish Folk klingen, hätte ich vermutlich nie aufgehört.
Einfach Seite 3 (unten rechts) hier anschauen. ↩
Setzen lassen und entspannen
Nach einigen Tagen zur Reflexion sehe ich inzwischen die Grundschrift nicht mehr als unbedingt schrecklich an. Respekt allerdings dazu, einen meiner Knöpfe gefunden zu haben: „Änderung der schulischen Ausbildung aus wirtschaftlichen Interessen der Schulbuchverkäufer“.
Dass die Reaktionen emotional sind (auch meine) ist dabei nur natürlich, denn Schrift ist wie Sprache etwas sehr grundlegendes und von außen kommende Änderungen daran rufen sehr leicht Verteidigungshaltungen hervor. Eigentlich sollte ich das aber bei mir erkennen - in Diskussionen um Esperanto ist es das gleiche, nur dass ich da auf der anderen Seite stehe.
Es tut gut, beide Seiten erlebt zu haben. So verstehe ich die Gegner von Esperanto besser, und ich erkenne jetzt eher, wenn ich emotional in Verteidigungshaltung gehe, statt rational zu argumentieren.
Jetzt werde ich erstmal etwas entspannen und das Thema sich setzen lassen.