-> Kommentar zu Aus einer 7500 km (gen osten) entfernten Perspektive betrachtet, einen Kommentar auf einen Artikel der Zeit.
@mathen: Ihre Aussage, dass Esperanto nicht geeignet ist, lässt einen Beleg vermissen. Stattdessen steht sie da einfach als Nebenbemerkung in den Raum geworfen - und das, obwohl im Artikel selbst steht, dass Deutsche "sogar nach offiziellen Untersuchungen der englischen Sprache nicht mächtig seien", also die Eignung von Englisch als internationaler doch sehr in Frage gestellt wird.
dafür, dass Esperanto sehr wohl geeignet ist
Klare, einfache Grammatik ohne Ausnahmen ¹
Sehr viel leichter zu lernen als z.B. Englisch
Wird seit über hundert Jahren praktisch für internationale Kommunikation genutzt (ja: deutlich mehr als Klingonisch - auch wenn mir schon Leute das Gegenteil erzählen wollten, ohne je auf einem Esperantokongress gewesen zu sein). Erweiterungen und Anpassungen geschehen genauso natürlich, wie bei Landessprachen.
Es ist neutral. Keine Nation hat wirtschaftliche Vorteile dadurch, dass ihre Landessprache für internationale Kommunikation genutzt wird - und keine hat Nachteile, weil alle wissenschaftlich Arbeitenden zusätzlich zu ihrem Fach eine ganz klar nichttriviale Sprache lernen müssen - selbst wenn sie vielleicht keinerlei Begabung für Sprachen haben.
Antworten auf einige typische Aussagen gegen Esperanto.
Die Grammatik z.B. ist auch für nicht-Europäer einfacher als jede andere nicht-eigene verbreitete Sprache. z.B. verwendet Esperanto nur schwache (äußere) Flexion, d.h. es werden nur Suffixe angehängt.
Bei Verben nur zeitlich und imperativ ("mi skribas" = "ich schreibe", "mi skribos" = "ich werde schreiben", "skribu!" = "schreibe!"). Dabei ändert sich nur das Verb.
Bei Substantiven gibt es nur den Akkusativ (mi skribas la verkon" = "Ich schreibe das Werk" (wen: Das Werk -> -n); "la verko estas bona" = "das Werk ist gut" (wer: Das Werk -> kein -n)).
Und das ist das gleiche Prinzip, das auch bei der Unterscheidung zwischen Substantiv, Verb und Adjektiv verwendet wird ("rakonti" = "erzählen", "rakonta" = "erzählend", "rakonto" = "Erzählung").
Was daher ein Chinese lernen muss: "OK, ich sage nicht 'hierau mi iras', sondern 'hierau mir iris'". D.h. Wortzusammensetzungen ohne Änderung des Wortstammes (die Chinesen gut kennen) werden nicht nur für die Bedeutung, sondern auch für die Zeit genutzt.
Kurz: Ein Prinzip, das konsistent und ohne Ausnahmen genutzt wird. Und im Gegensatz zu natürlichen Sprachen kann die gesamte Grammatik schnell gelernt werden.
Vergleichen wir das mal kurz mit Verben im Englischen (mit Deutsch fange ich gar nicht erst an :) ):
"I read" = "ich lese", I read = "ich las", get, got, I was given, we were given, I eat, I ate, I had eaten, I was eating, I walk, I walked, ...
Im Vergleich zu Englisch (und auch Deutsch, Französisch, Spanisch und Chinesisch) ist Esperanto damit neutral. Ein nicht-Europäer braucht zwar etwas länger als ein Europäer, aber er ist immernoch sehr viel besser dran als mit jeder europäischen Sprache. Und Chinesisch mag zwar von der Grammatik leicht sein, aber die Schrift macht es für Europäer wieder schwer zu lernen.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich mag Englisch als Sprache, und ich lese Bücher aus England/Amerika meist lieber im englischen Original (seit ich in der 11. Klasse die amerikanische Bibliothek nahe unserer Schule entdeckt hatte erst recht). Aber für internationale Kommunikation finde ich sie im Vergleich mit Esperanto nicht gerade sinnvoll. Zu komplex, zu komplizierte Ausspracheregeln (read vs. read - lesen vs. las), uvm. Mag natürlich daran liegen, dass ich Esperanto kenne und daher weiß, wie einfach und konsistent eine Sprache sein kann.
Das Akkusativ-N hat in Esperanto einen sehr einfachen Grund: Es ermöglicht einen viel freieren Satzbau, so dass Sprecher den Satzbau nutzen können, den sie aus ihrer Muttersprache kennen (und in dem sie denken = leichter). Durch das Akkusativ-N sind auch unterschiedliche Arten des Satzbaus eindeutig, so dass "mi legas la bonan libron", "la bonan libron mi legas", "la libron bonan legas mi" und "mi la bonan libron legas" alle leicht zu verstehen sind und das gleiche bedeuten.
Es gab bereits einmal eine Amerikanische Lobby, die das Akkussativ-N entfernen wollte. Das Ergebnis war "ido", das im Gegensatz zu Esperanto kaum genutzt wird. Esperanto blieb bestehen. Eine Chinesische Lobby würde recht wahrscheinlich genauso wenig bewirken.
Nebenbei: Ein Suffix für den Akkusativ wird z.B. im Türkischen verwendet (für den bestimmten Akkussativ).
Dass sich (abgesehen von den 18 Grammatikartikeln) auch Esperanto immer etwas verändert und jede Gruppe von Nutzern es mitformt, ist allerdings etwas Gutes. Auf die Art wird Esperanto immer weiter auf internationale Kommunikation optimiert (denn dafür wird sie genutzt). Und das ist etwas, das keine Nationalsprache jemals leisten kann (weil die Nationalsprecher die Sprachentwicklung dominieren).
Zu "natürliche Sprache akzeptieren": Wissenschaftler nutzen oft nicht "Englisch", sondern "broken english" - teils unverständlich und mit kaputter und uneinheitlicher Grammatik.
Also läuft "aber Englisch ist natürlich und daher besser", wenn es zu Ende gedacht wird, nur darauf hinaus zu sagen "Gut, es ist schlecht für fast alle, aber ich glaube an natürliche Sprachen".
Dass das „starke Fundament“ einer Nationalsprache nichts bringt merkt man doch schon daran, dass das Wissenschaftsenglisch zurecht als „broken english“ bezeichnet wird und ein Chinese, der Englisch spricht, für Deutsche oft kaum verständlich ist, selbst bei gleichem Fachgebiet.
Esperantisten aus verschiedenen Ländern verstehen sich dagegen gut.
Das „starke Fundament der natürlichen Sprache“ ist daher auch nur ein Glaubenssatz und wird bereits von der Erfahrung widerlegt. Vielmehr lernt bei natürlichen (und sehr komplexen) Sprachen jeder Fremdsprachler einen anderen Bruchteil der Sprache und fügt eigenes an, so dass in der Praxis viele potenziell inkompatible, reduzierte Sprachen entstehen.
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Esperanto vs. Ido
Hmm, ich liebe Esperanto, aber momentan liebäugele ich auch mit Ido. Bei letzterem ist die Sprachgemeinschaft natürlich verschwindend geringer.
ido
Hi Ralph,
Wie stark sind denn die Unterschiede zwischen Esperanto und Ido?
Bisher denke ich ja, dass ido für Esperantisten vor allem wertvoll ist, weil es zeigt, was passiert, wenn man fröhlich an der Grundlage der Kommunikationsinfrastruktur schraubt.
Dass eine Sprache für internationale Kommunikation zumindest im Fundament relativ statisch sein sollte, damit auch getrennte Gruppen von Sprechern kompatibel bleiben und die Sprache für Gelegenheitsesperantisten nützlich bleibt.
Liebe Grüße,
Arne
PS: Schön, dass du schreibst!